Alte auf Arbeit

 

Weil die über 65-Jährigen eine wachsende Gruppe in Finnland sind, hat die Regierung ihr Rentensystem frühzeitig auf eine neue Basis gestellt

 

Älterer Mann an der Buchpresse

Quelle: dpa

Bei PISA denken alle sofort an Finnland. Kein Land in Europa ist so gut wie die Finnen in der frühkindlichen Förderung. Aber auch bei den Alten kann sich Resteuropa ein Beispiel an ihnen nehmen. Ältere Menschen werden nicht einfach dazu verdonnert, länger zu arbeiten, um die Renten auf Niveau zu halten, die Arbeitswelt wird für ihre Bedürfnisse neu gestaltet.

So müssen Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten eine Gesundheitsfachkraft einstellen, in vielen Betrieben können sich Ältere regelmäßig untersuchen lassen und wer von ihnen an den betrieblich organisierten Fitnessprogrammen teilnimmt und gut abschneidet, bekommt zusätzliche Ferientage.

 

Messbare Erfolge

Auf der Arbeit alt werden? In Finnland wird’s als sportliche Herausforderung betrachtet. Und während heute hierzulande darüber gestritten wird, wer bitteschön bis zu seinem 67. Lebensjahr arbeiten soll, wo es doch für die über 55-Jährigen kaum Arbeitsplätze gibt und es auch nur jeder Zehnte schafft, bis zu seinem 65. Lebensjahr zu arbeiten, haben die Finnen bereits Ende der 90er Jahre begonnen, ihr Rentensystem auf eine neue und feste Basis zu stellen. Mit Erfolg: Die Quote älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer über 55 Jahre stieg von 34,4 Prozent im Jahr 1995 auf 52,7 Prozent im Jahr 2005, während die Quote der Erwerbslosen in dieser Personengruppe von 20,3 auf 7,3 Prozent sank.

Eine ganzheitliche Reform


„Die besten Jahre“ hatte die finnische Regierung 1998 ihr ehrgeiziges Programm genannt, nach 12 Jahren hat es sich mehr als bewährt. Heute ist Finnland das einzige Land in Europa, das nicht über eine Erhöhung des Renteneintrittsalters nachdenkt. Mit der Reform schon hat das Land die Rente nämlich flexibilisiert, was heißt: Die Finnen können selbst entscheiden, wann sie in Rente gehen wollen, schon mit 62, erst mit 68 oder vielleicht mit 65. Wer vor dem Regelrentenalter von 65 Jahren aufhört zu arbeiten, nimmt dauerhafte Abstriche von 0,4 Prozent pro Monat in Kauf, wer hingegen über das 65. Lebensjahr hinaus arbeitet, erhält für jeden zusätzlichen Arbeitsmonat einen Zuschlag von 0,6 Prozent. Nicht wenige Finnen können sich seither vorstellen, über das 65. Lebensjahr hinaus zu arbeiten und tun es auch – dank der ganzheitlichen Reform, die von Anfang an ihre Arbeitsplätze mit bedachte.

Gegen Altersdiskriminierung


Schwerpunkte des Reformprogramms bildeten Maßnahmen zum Erhalt und zur Förderung der Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit sowie zur Verbesserung der Aus- und Weiterbildung. Dabei standen lebenslanges Lernen, Führungskompetenzen, Managementkultur sowie der „Kampf gegen Altersdiskriminierung“ im Vordergrund. Insbesondere die Einstellungen gegenüber dem Leistungsvermögen älterer Beschäftigter wurden gestärkt. Gleichzeitig wurden erste Änderungen im Rentenrecht eingeleitet, die Volksrente, im Finnischen Kansaneläke genannt, schrittweise an die Erwerbsrente, Työeläke, angedockt. Forschungs- und Entwicklungsprojekte wurden angestoßen, die einerseits die Ausschlussmechanismen gegen ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt offenlegen, andererseits Vorschläge für die Verbesserung ihrer Arbeitsfähigkeit bringen sollten. Der letzte Schritt war da vorgegeben: beschäftigungsfördernde Maßnahmen in den Unternehmen zur Pflicht machen.

Kann arbeiten, muss aber nicht


Der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung wird von 2000 bis 2030 von 15 auf 26 Prozent wachsen, doch Finnland sieht der Alterung seiner Gesellschaft entspannt entgegen. Längst sind ältere Arbeitnehmer in vielen Unternehmen keine Rarität mehr, sondern Stützen der Produktion. Damit die nicht weg brechen, hat der Stromversorger Kerava ein zusätzliches eigenes Programm für sie entwickelt. Wer von den Beschäftigten glaubt, ausgebrannt zu sein, kann eine dreimonatige Auszeit nehmen, im Höchstfall sogar ein Jahr lang aussteigen. 40 Prozent des Lohnes zahlt das Unternehmen weiter, 60 Prozent übernimmt der Staat. Dafür ist Kerava verpflichtet, während der Abwesenheit eines Beschäftigten einen Arbeitslosen einzustellen. Klingt nach eine Hand wäscht die andere. Und der alte Finne an sich? Er kann arbeiten, muss es aber nicht.