Ungeschützt und arm trotz Arbeit


Leiharbeit: Legal, illegal, scheißegal?

Befristet, verliehen, unsicher, wenig Stunden und schlecht entlohnt – das ist heute für viele Beschäftigte Realität. Wirtschaftsminister Brüderle verkündet zwar stolz, dass es so viele Beschäftigte gebe wie nie. Doch reguläre  Vollzeitarbeitsplätze ohne Leiharbeit sind selbst im aktuellen Aufschwung weiter zurückgegangen. Für die Menschen ist diese Entwicklung katastrophal. Die Angst, arbeitslos zu werden, ist ständiger Begleiter. Wie sollen junge Leute planen, gar eine Familie gründen? Woher sollen Beschäftigte den Mut nehmen, ihre Rechte einzufordern? Die Unternehmer können sich freuen.

 

Leiharbeit boomt

Bis 2004 war Leiharbeit eine Ausnahme. Unternehmer nutzten sie zur Überwindung von Auftragsspitzen. Mit den Hartz-Gesetzen hat die damalige rot-grüne Regierung auch die Leiharbeit dereguliert. Unternehmen gründeten ihre eigenen Leiharbeitsfirmen, um Entlassene für Billiglöhne wieder einzustellen – zum Beispiel Schlecker. Leiharbeits-Beschäftigte wurden als Streikbrecher eingesetzt – vor allem im Handel. Im Gesundheitswesen wird die Stammbelegschaft mit Hilfe der Leiharbeit reduziert – zur Senkung von Lohnkosten und Maximierung von Gewinnen.

 

Rund 300.000 waren es vor den Hartz-Gesetzen, danach stieg die Zahl bis über 800.000 an. In der Krise haben Leiharbeit-Beschäftigte zuerst ihre Jobs verloren. Jede und jeder Vierte flog raus. Jetzt boomt die Branche wieder. Zum Jahreswechsel meldete sie das Durchbrechen der Millionengrenze. Vor allem für junge Beschäftigte sieht so der Start ins Berufsleben aus: über die Hälfte ist unter 35. Druck wirkt: Schlecker hat auf gewerkschaftlichen und öffentlichen Druck nachgegeben. An der Uniklinik in Essen wurde die Leiharbeits-Praxis eingestellt. Ministerin von der Leyen erwägt einen Mindestlohn oder Gleichbehandlung nach einer gewissen Zeit. Hier ist noch mehr Druck nötig. Wir wollen gleichen Lohn für gleiche Arbeit ab dem ersten Tag!

 

 

Grafik: Lohndumping duch Leiharbeit

Nur nicht festlegen

Durch die Probezeit können Beschäftigte und Chefs testen, ob sie miteinander klarkommen. Sechs Monate ist die Regel. Schon seit über 25 Jahren gibt es auch die sachgrundlose Befristung für bis zu zwei Jahre. Die nimmt immer mehr überhand. Bekommt man heute einen Job, ist etwa jeder zweite nur noch ein befristeter. Das zwingt Menschen zur Anpassung. Gerade junge Menschen: Früher gab es nach der Ausbildung eine befristete Stelle bis eine feste frei wurde. Heute ist Befristung üblich, auch wenn Stellen im Ausbildungsbetrieb frei wären. Und gleichzeitig  jammern Unternehmer über angeblichen Fachkräftemangel.


Volles Risiko

Um eine halbe Million hat die Zahl der Selbstständigen seit 2000 zugenommen – auf über vier Millionen. 60 Prozent von ihnen sind Frauen. Zwar brauchen sie auf keinen Chef zu hören. Aber sie haben auch nicht die Schutzrechte und sozialen Sicherungen abhängig Beschäftigter. Sie müssen sich am Markt behaupten und um Aufträge kämpfen.

 

"Selbstständig" betreiben sie zum Beispiel einen Backshop oder haben einen Honorarvertrag in der sozialen Arbeit oder an Hoch- und Volkshochschulen. Denn immer mehr reguläre Arbeitsplätze werden abgebaut und als Honorar oder Werkverträge vergeben. Natürlich gibt es Selbstständige, die auch im sozialen Bereich oder in Medien und Wissenschaft gut verdienen. Doch die Mehrheit sind inzwischen sogenannte "Solo-Selbstständige", die keine weiteren Beschäftigten haben. 30 Prozent von ihnen, bei den Frauen sogar über 40 Prozent, haben weniger als 1.100 Euro netto im Monat.

 

Grafik zur Leiharbeit: Löhne stagnieren - Gewinne explodieren

 

 

Lohndumping-Politik

Die Politik hat durch gesetzliche Neuregelungen die Tore für Niedriglöhne, prekäre Beschäftigung und verschärfte Ausbeutung immer weiter geöffnet. Seit der Einführung von Hartz IV sind Arbeitslose gezwungen, praktisch jeden Job anzunehmen. Und Arbeitgeber nutzen dies gnadenlos aus. Inzwischen verdienen rund 1,4 Millionen Beschäftigte so wenig, dass sie zusätzlich auf Hartz IV angewiesen sind. Darunter jede und jeder zehnte Leiharbeits-Beschäftigte. Diese Aufstockerei kostet den Staat rund elf Milliarden Euro im Jahr. Damit zahlen wir auch noch die Zeche für die Lohndrückerei der Arbeitgeber. Ab Mai 2011 gilt auch für die neuen Mitgliedsländer die volle Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union. Firmen können dann zum Beispiel über Leiharbeits-Firmen aus Polen, Rumänien usw. Beschäftigte bei uns einsetzen. Wenn nicht ein gesetzlicher Mindestlohn es verhindert, droht Lohndumping in neuer Dimension. Auch die Tarifverträge geraten unter verstärkten Druck.

 

Gerecht geht anders



Weiterführende Links


Kampagnen


Studien, Analysen, Hintergründe...

  • "Ungeschützt und arm trotz Arbeit". - ver.di-Schriftenreihe Nr. 5, Herausgeber: ver.di, Ressort 1, Wirtschaftspolitik:
  • Verliehen- befristet – unterbezahlt: Politik für gute Arbeit geht anders!
    - Zahlen, Daten und Fakten zum Arbeitsmarkt. ver.di, Ressort 1, Wirtschaftspolitik (Präsentation)
  • Niedriglohn und Lohndumping im Verleihgewerbe. - LeiharbeiterInnen mit einer Vollzeitstelle verdienen nur etwa die Hälfte von Vollzeitbeschäftigen in der Wirtschaft insgesamt. Gleichzeitig werden die Einkommensabstände zwischen LeiharbeiterInnen und Beschäftigten in Normalarbeit immer größer. Eine Untersuchung des DGB-Bundesvorstands vom 7. Februar 2011.
  • Zahlen, Daten und Fakten zum Thema Lohndumping. - Info des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), 2011