Zu wenig Personal führt zu unzureichender Hygiene
Für den Leiter des Instituts für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene (IUK) am Universitätsklinikum Freiburg, Professor Volker Mersch-Sundermann, ist Personalmangel auf den Stationen eine Ursache von Hygienemängeln in den Kliniken. "Wenn Zeit fehlt, wird geschlampt, dann kommt die Hygiene oft zu kurz", sagte er in einem Gespräch mit ver.di.
Professor Volker Mersch-Sundermann, Leiter des Instituts für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene (IUK) am Universitätsklinikum Freiburg
Herr Mersch-Sundermann, wie gefährlich ist ein Aufenthalt in deutschen Klinken?
Diese Frage kann man generell so nicht formulieren. Man muss ja in eine Klinik, weil man Beschwerden hat. Der Aufenthalt in der Klinik dient dazu, dass diese Beschwerden angegangen werden, dass sie therapiert werden. Wer also in die Klinik kommt, erwartet, dass ihm geholfen wird. Und in der Regel ist das ja auch der Fall; das heißt, in der Regel hat der Patient einen Nutzen von einem Krankenhausaufenthalt.
Allerdings gibt es Erreger, die genannten Krankenhausinfektionen. Schätzungen zufolge sind es etwa eine halbe Millionen Jahr um Jahr. Zwei bis fünf Prozent diese Infektionen verlaufen tödlich (10.000 – 15.000/Jahr). Nicht selten erwerben die Patienten die Keime nicht erst in der Klinik, sondern bringen sie selbst mit in die Klinik, dort können die Keime dann bei Hygienemängeln zum Beispiel während einer Operation in den Körper gelangen.
Haben die Infektionen in den vergangenen Jahren zugenommen?
Da vieles in diesem Bereich auf Schätzungen beruht, kann man ganz schlecht sagen, ob im Krankenhaus erworbene Infektionen wirklich zunehmen. Es sieht allerdings danach aus. Was wir wissen, ist Folgendes: Die Zahl der älteren und alten, so genannten multimorbiden Patientinnen und Patienten in den Kliniken ist gestiegen, es werden mehr komplizierte Operationen durchgeführt. Je schwieriger die Operation und je anfälliger der Patient, desto höher ist die Gefahr von Infektionen. Und: Wir haben nicht nur das generelle Problem von Infektionen. Dramatisch ist, dass viele Keime immer resistenter gegenüber Antibiotika werden und immer mehr neue resistente Keime auftreten. Das heißt: Immer öfter können die Infektionen eben nicht "mehr im Keim erstickt" werden. Deshalb muss es erst recht darum gehen, alles zu tun, damit es erst gar nicht zu einer Infektion mit derartigen multiresistenten Erregern kommt.
Notfall Krankenhaushygiene: Die Erkenntnis, wie wichtig Hygiene im Klinikalltag ist und dass es in diesem Bereich lebensgefährlich sein kann, den Rotstift anzusetzen, wird bei so mancher Klinikleitung leider immer noch beiseite geschoben.
dpa
Was ist der Grund für Krankenhausinfektionen? Tatsächlich mangelnde Hygiene?
Zumeist schon; gerade in Kliniken, die keine Hygieneinstitute oder eigene Krankenhaushygieniker haben. Schwerpunktkliniken wie beispielsweise die Freiburger Uniklinik nehmen es mit der Hygiene dagegen in der Regel sehr genau und halten auch die Hygieneregeln ein. Das müssen sie auch, besonders auf Stationen, auf denen viele ältere Menschen liegen, die an mehreren Gesundheitsstörungen leiden und deren Immunsystem schon angeschlagen ist. Das gleiche gilt für Frühchen-Stationen. Hier dürfen sich Problemkeime auf keinen Fall ausbreiten. Doch wie gesagt, nicht in allen Kliniken wird in Sachen Hygiene so penibel verfahren wie es sein müsste. Dabei ist ganz klar: Werden die Hygieneregeln eingehalten, kommt es selten zu Infektionen. Es gibt mittlerweile selbst viele Universitätskliniken, die sich gar keine Hygieneinstitute mehr leisten, obwohl die Hygiene für die Studierenden ein Lehrfach ist. Hier haben die Universitäten gespart, ohne sich über die Folgen im Klaren zu sein.
Welchen Einfluss hat der Faktor Stress?
Wenn Ärzte, wenn Pflegekräfte keine Zeit haben, wenn sie von einem Bett zum anderen hetzen, kommt es nicht selten vor, dass selbst die wichtigsten Hygieneregeln nicht eingehalten werden. Dann können antibiotika-resistente Problemkeime von Ärzten oder dem Pflegepersonal von einem Bett zum anderen getragen werden. Denn es ist ein offenes Geheimnis: Wenn es an Zeit fehlt, dann wird geschlampt, dann kommt die Hygiene oft zu kurz, weil man die Konsequenzen für Patient und Klinikbudget nicht unmittelbar erkennen kann. Deshalb muss unbedingt dafür Sorge getragen werden, dass insbesondere auf Stationen kritischen Patienten der Personalschlüssel entsprechend ausgestaltet ist.
Die Kliniken haben in den vergangenen Jahren gerade Pflegestellen abgebaut.
Stimmt. Und die Gefahren, die damit verbunden sind – gerade in Sachen Hygiene und Krankenhausinfektionen – können die Kliniken sehr teuer zu stehen kommen. Denn die Behandlung solcher therapie-resistenten Krankenhausinfektion ist teuer und langwierig. Krankenhäuser, die am Personal sparen – und das passiert landauf, landab -und die Hygieneregeln mißachten, werden letztendlich kein Geld sparen. Denn eine Infektion kostet eine Klinik schätzungsweise zwischen 5.000 und 20.000 Euro. Und die Kliniken nehmen wissentlich das Risiko in Kauf, dass sich Menschen mit Keimen infizieren, die auf Antibiotika-Therapien nicht mehr anschlagen. Übrigens: Im vergangenen Jahr ist die neue Richtlinie für die Krankenhaushygiene vom Robert-Koch-Institut (RKI) publiziert worden, in der expliziert auf Personalkapazitäten verwiesen wird. Infolge dessen hat jetzt beispielsweise auch das Sozialministerium Baden-Württemberg den Entwurf einer Krankenhaushygieneverordnung vorgelegt, die die Kliniken hinsichtlich der Krankenhaushygiene deutlich in die Pflicht nehmen wird.
Investitionen in Hygiene sparen letztendlich Geld?
Definitiv ist dem so! Es geht also darum, ausreichend Personal auf den Stationen zu haben; Pflegepersonal wie auch Ärzte. Es geht natürlich auch darum, das Personal immer wieder zu schulen und es geht darum, die Beschäftigten zu sensibilisieren und auch zu kontrollieren, ob die Hygieneregeln eingehalten werden. Die Erkenntnis, wie wichtig Hygiene im Klinikalltag ist und dass es in diesem Bereich lebensgefährlich sein kann, den Rotstift anzusetzen – diese Erkenntnis wird bei so mancher Klinikleitung leider immer noch beiseite geschoben.
(Fragen von Jana Bender/September 2010)
Weitere Informationen: Notlagenkarte Krankenhäuser